Zeugen der Urzeit

In dünnen, porösen Schieferblättchen finden sich Spuren längst vergangenen Lebens. Gegen den Yellowstone-Nationalpark oder den Grand Canyon wirkt die kleine Grube Messel in Südhessen eher beschaulich und auf den ersten Blick unspektakulär. Doch ihr Trumpf liegt nicht in einem gigantischen Naturschauspiel. Die Schätze der Grube liegen unter der Erde und sind tot – seit Millionen Jahren.

»Für die Paläontologie ist Messel von herausragender Bedeutung. Sie erlaubt uns Einblicke, die sonst nirgendwo zu bekommen sind«, sagt Krister Smith von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung in Frankfurt. Vor 25 Jahren wurde die Grube bei Darmstadt erstes Unesco-Weltnaturerbe in Deutschland und steht damit auf gleicher Stufe wie Grand Canyon, Yellowstone oder die Galapagosinseln.

Das von der deutschen Unesco-Kommission als »Fenster zur Urzeit« bezeichnete Areal diente früher ganz anderen Zwecken. »Wenn nicht Ölschiefer abgebaut worden wäre, würde hier heute ein Hügel stehen«, sagt die Geschäftsführerin der Welterbe Grube Messel gGmbH, Marie-Luise Frey. Der Boden wurde mehr als hundert Jahre abgetragen, um Öl aus ihm herauszupressen. Anfang der 80er Jahre hatten dann bereits Bauarbeiten für eine Mülldeponie begonnen, bevor ein paar Jahre später auch dieses Projekt eingestellt wurde.

»Heute ist die Grube ein Zeit- und Klima-Archiv«, sagt Frey. Mit den mittlerweile mehreren zehntausend Fossilien-Funden können Wissenschaftler ein relativ genaues Bild der Lebenswelt und des Klimas in der vor 48 Millionen Jahren tropisch geprägten Region rekonstruieren.

»Messel ist von weltweiter Bedeutung«, sagt Smith. Mit den Funden aus der Grube kann nach den Worten des in den USA ausgebildeten Paläontologen genau nachvollzogen werden, wie das Leben vor 48 Millionen Jahren aussah. »Wir wissen, dass wir noch viel mehr Arten entdecken werden. Dank der Funde wisse die Forschung heute sehr viel über die Artenvielfalt im Zeitalter des sogenannten Eozäns.

Die Funde sind Zeugnis einer Welt lange nach dem Aussterben der Dinosaurier und lange bevor die Evolutionsgeschichte Neandertaler oder den modernen Menschen hervorbrachte. Und sie sind Zeugnis, dass das Leben auf der Erde auch schlimmste Katastrophen wie extreme Klimaschwankungen oder Einschläge riesiger Meteoriten überstehen kann.

Die in den Ölschiefer eingepressten und konservierten Funde in Messel sind dabei keineswegs nur Fragmente. Wissenschaftler fanden den Affen »Ida«, das wohl älteste vollständig erhaltene Fossil eines Primaten. Weltberühmt wurden auch die vollständig erhaltenen versteinerten Skelette von Urpferdchen. Die Tiere ungefähr von der Größe eines Dackels sind die Vorfahren der heutigen Pferde. Krokodile, Riesenameisen, Echsen, Fledermäuse, Vögel, Blätter und sogar Federn in ihrer vollen Struktur versteinerten und erzählen heute die Geschichte einer längst untergegangenen Welt.

Vor 48 Millionen Jahren herrschte in Messel tropisches Klima. Auf dem Areal gab es einen tiefen Vulkansee, in dem es in tieferen Wasserschichten eine Zone ohne Sauerstoff gab. Was ins Wasser fiel und in tiefere Regionen sank, verweste nicht, sondern wurde durch herabsinkende Sedimente zu Stein gepresst. Die Fossile erzählen Geschichten. So wurde Smith zufolge eine Boa mit einer Eidechse im Magen gefunden. Die hatte zuvor ein Insekt geschluckt. Ebenso kann nachverfolgt werden, welche Insekten auf welchen Blüten saßen. In eindeutiger Position fanden Forscher auch Schildkröten. Die Tiere kamen beim Liebesspiel in die Sauerstoff freie Zone, starben und versteinerten am Grund des Sees. »Die Funde erlauben aber auch Einblicke in die Zukunft, wie unter solchen Bedingungen gelebt werden kann«, erläutert Smith. Das Klima vor 48 Millionen Jahren sei so gewesen, wie es auch in der Zukunft wieder sein könnte.

»Warum genau hier so viele Fossile sind, weiß keiner«, sagt Frey. Und was sich in noch größerer Tiefe befinde, sei auch unklar. In dem vor zehn Jahren eröffneten, fast zehn Millionen Euro teuren Besucherzentrum zeigt ein »Nadelstich« zumindest die Bodenbeschaffenheit. Ein langer Bohrkern ist Zeugnis von Millionen Jahren Erdgeschichte. Auch einige Originale wie das berühmte Urpferdchen sind dort in einer »Schatzkammer« ausgestellt.